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Bike Tour: Von La Pared nach Gran Tarajal 2

La Pared war nie schön und war nie hässlich. Vor allem die großen Wellen, die mit lautem Getöse auf die Felsen knallen, beeindrucken alle, die hier vorbeikommen. Die Kraft der Natur und die Schönheit dieser Kraft zieht die Menschen magisch an. Als würden sie etwas wiedererkennen. Als würde man sich an etwas Verlorenes erinnern. Aber man weiß nicht, was es ist. Man betrachtet die Kraft der Natur und wartet unbewusst auf eine Antwort, auf Klarheit. Auf die Klarheit der Wahrheit. 

Niemand kann sich eigenartigerweise dem Spiel der Wellen in La Pared entziehen. Manche bleiben ein paar Minuten oder ein paar Stunden. Aber hierbleiben und hier wohnen? Das versteht niemand. Auch ich habe dies nicht verstanden, bis ich auch hier gewohnt habe, nur ein paar Meter von diesen Wellen entfernt. Oft blies die Gischt bis an meine Fenster und man hatte immer einen salzigen Geschmack auf den Lippen. Das ständige Getöse des Meeres war wie ein fliegender Teppich in unseren Träumen. 

Auch die Kinder träumten, während sie draußen herumliefen, bewacht von zwei Dobermännern, die jegliche Gefahr von ihnen fernhielten. Ich habe nie eine engere Verbindung zu Haustieren gehabt, wie in dieser Zeit. Man konnte sich hundertprozentig auf sie verlassen. Als wären sie Gesandte Gottes, Bodyguards, die 24 Stunden und 365 Tage im Jahr nichts anderes taten, als auf die Kinder aufzupassen. Es sei denn, es gab etwas zu fressen.

Das macht vielleicht die Magie eines solchen Ortes aus. Mensch und Tier finden zu ihrer wahren Berufung zurück und Leben im Moment, im Jetzt.

Diese Orte der reinen Natur fördern die Kommunikation zwischen Mensch und Tier und der Natur im Allgemeinen. Wir wurden von nichts abgelenkt. Kein Telefon, auch kein Handy, denn die gab es noch nicht, und kein Fernseher.

Man erkennt Probleme so scharf wie Scherenschnitte und nicht verschwommen, weil sich alles überlagert, wie in einer großen Stadt, wo eine Flut von Reizen auf uns einströmt und uns überfordert. 

Wir wissen es alle, aber wir tun nichts dagegen, weil die Macht der Gier uns davon abhält. Anstatt Lärm und Geschwindigkeit zurückzudrehen, ziehen wir es vor, uns mit dem andern zu streiten, um das zu erreichen, was eigentlich schlecht für uns ist.

Unsere Gesellschaft braucht eine kollektive Verhaltenstherapie.

Das alles wird einem klar, wenn man an einem Ort wie La Pared lange genug sitzen bleibt.

Die Corona-Krise, wie übrigens alle Krisen aus der Vergangenheit und diejenigen, die uns noch in der Zukunft erwarten, wären eine gute Gelegenheit innezuhalten. Ein perfekter Zeitpunkt zur Besinnung. Aber es müssten alle pausieren, auch das Kapital, was auch immer es ist. Das Kapital müsste mal eine Weile auf Zinsen, Erträge und Gewinne verzichten können, damit man den Motor mal ausschalten könnte. Er braucht Kühlung, damit er nicht ganz auseinanderfliegt. 

Aber Gier und Neid haben sich wie ein Gift in unseren Körper und in unseren Seelen eingenistet. 

Fischer Fahrräder

Auf meinem E-Bike fühle ich mich frei, und kann mich an all diese so wertvollen Momente erinnern.

Die Fahrt geht weiter Richtung Costa Calma.

Costa Calma

Die Straße geht quer durch die Sandwüste an der schmalsten Stelle Fuerteventuras. Ich erinnere mich an die Zeiten ohne asphaltierte Straßen. Damals konnte die Fahrt durch den Flugsand zu einem Glücksspiel werden. Vor allem, wenn es regnete, dann war die Piste oft nicht wiederzufinden. Viele haben in ihrem Wagen übernachtet und warteten bis zum nächsten Morgen auf Hilfe. Die Piste musste an vielen Stellen umfahren werden, und mit der Zeit bildete sich eine neue Piste. Bis zum nächsten Regen.

Und wenn man dann den Wagen freigegraben hatte, oft mit bloßen Händen, ging es direkt in die Costa Calma. In der Taverne trafen sich alle. Eine Kneipe mitten in der Wüste. Zu dieser Zeit gab es nur ein paar Bungalows in der Costa Calma. Und die meisten standen leer. 

In der Taverne hielten alle an, die aus Morro Jable kamen oder dort hin wollten. Man musste sich ab und zu von dem Geratter der Staubpisten erholen. 

Ein Kaffee, ein Rum oder auch zwei, ein Bier und ein kleiner Imbiss zur Stärkung. Man konnte auch zu Mittag oder zu Abend essen. Die Küche war sehr gut.

Viele hatten den Wüstenstaub und Motorenöl unter den Fingernägeln. Meistens musste man an den Autos rumschrauben, um ans Ziel zu kommen.

Hier war auch eine der wichtigsten Nachrichtenbörsen der Insel. Was hier mittags erzählt wurde, kam abends im Norden der Insel an. Und umgekehrt.

Juan, der später das Restaurant in La Pared übernahm, sorgte gemeinsam mit seiner Frau für die Gäste. Seine dunklen Augen, sein buschiger Schnurrbart und seine dunkle Stimme flößten jedem den notwendigen Respekt ein. Trotzdem war er ein herzensguter Mensch. Es ging immer fröhlich zu.

Und wenn der Generator streikte, wurden Kerzen aufgestellt. Die Taverne war damals auch meine Stammkneipe. Ich wohnte nur ein paar Kilometer entfernt in einem alleinstehenden Haus am Strand. 

Gemeinsam mit vier Bauarbeitern baute ich dieses Haus. Wir, meine Frau, meine beiden Kinder und ich, lebten ganz alleine an diesem großen Strand. Niemand sonst kam an diesen Strand. Wir hatten für mehrere Jahre 15-20 Kilometer Strand für uns alleine. Wir mussten ihn nur mit Tausenden von Vögeln teilen. 

Die Deutschen konnten nicht verstehen, wie man so einsam wohnen konnte. Sie blieben lieber in ihrer kleinen Gemeinschaft im Süden. Und die Einheimischen konnten sich nicht vorstellen, dass man sich an einem weißen Strand wohlfühlen könnte.

Sie gingen nur an die schwarzen Sandstrände. Denn dort gibt es Fisch und Meeresfrüchte. Am weißen Sandstrand gibt es nur wenige Fische und keine Meeresfrüchte. Und, wenn man das Essen zubereitet, weht der Wind den weißen Sand ins Essen. Das passiert nicht am schwarzen Strand, weil der schwarze Sand grobkörniger ist.

Das heißt, für die Canarios waren wir Dummköpfe, die von Strand keine Ahnung hatten.

Und für mich war es sicherlich eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Ich durfte in diesem Paradies wie Robinson Crusoe leben. Nur, dass wir durch einen schmalen Weg mit der Zivilisation verbunden waren.

Es war ein Geschenk Gottes, dass ich das erleben durfte. Und ich bin heute noch sehr dankbar für dieses Geschenk.

Leben wie Adam und Eva. Wir hatten am Strand die gleiche Intimsphäre wie in unserem Badezimmer. Denn es konnte auch niemanden geben, der uns aus der Ferne hätte beobachten können. Kein Mensch bis zum Horizont.

Obwohl wir keine Existenzängste hatten, wir konnten uns den Einkauf im Supermarkt leisten, war es trotzdem eine Lehrstunde am Ursprung des Lebens.

Alles, was bis dahin selbstverständlich war, war es hier nicht. Das Wasser wurde von einem Tankwagen gebracht. Ein Generator sorgte dafür, dass wir unsere Maschinen benutzen konnten. 35 Kilometer Staubstraße trennten uns vom nächsten Supermarkt. Und das war kein Problem, sondern das war schön. Und es wäre auch heute noch schön. Genau das machten die paradiesischen Zustände aus. Wir lernten den Wert der sogenannten einfachen Dinge kennen. Wir lernten kennen, worauf es ankommt im Leben. Und das in einer Hochstimmung, was, wie wir alle wissen, sehr selten vorkommt. Denn normalerweise sind es Tragödien, die uns auf den Boden der Tatsachen zurückwerfen. Und wir durften dies in einem Paradies kennenlernen. Welch ein Glück. Ich wünsche jedem Menschen dieses Glück.

Während ich mit meinem E-Bike alles abfahre, nehme ich die Gerüche wahr, die mich an all das erinnern lassen, als wäre es gestern gewesen. 

Aniceto, mein Vorarbeiter, zeigte mir, wie man Wüstentrüffel finden kann, die ein paar Wochen nach einem starken Regen im Wüstensand wachsen. Auch ohne Schwein. Und Freddy, der später die Taverne übernahm, zeigte mir, wie man sie zubereitet. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Tricks die Natur auf Lager hat. So ernährten wir uns wochenlang von Trüffeln, die in einem Feinschmeckerrestaurant ein Vermögen gekostet hätten. 

Die Wüste hat immer wieder Überraschungen parat. Es passieren immer wieder Dinge, mit denen man nie rechnen würde.

Wie an zwei verschiedenen Tagen. Wir saßen am Strand, der plötzlich mit Tausenden, wahrscheinlich Millionen, Marienkäfern bedeckt war. Wir konnten es nicht wahrhaben und fragten uns gegenseitig, ob wir dies wirklich in diesem Moment erlebten, oder ob es eine Fata Morgana war. Als Kinder ließen wir Marienkäfer über unsere Hand laufen und schauten ihnen zu. Sie sind wohl die freundlichsten Käfer, die man sich vorstellen kann.

Wo kamen sie plötzlich her? Von Afrika? Aus der Sahara?

Wie kleine Kinder saßen wir am Strand und ließen die Marienkäfer über unsere Arme, unsere Beine, über unseren ganzen Körper laufen.

Manchmal glaube ich selbst nicht mehr daran, dass ich das erlebt habe. Vielleicht gibt es Biologen, die dieses Phänomen erklären können.

Die meisten denken an Sex oder sogar an Gruppensex, wenn sie an ein Leben wie Adam und Eva denken. Es passiert aber genau das Gegenteil. Der Respekt untereinander nimmt zu. Man kann einen ähnlichen Effekt beobachten, der entsteht, wenn man gemeinsam in die Sauna geht. Diese Menschen streiten sich viel seltener als andere. 

Wenn man aber 24 Stunden am Tag wie Adam und Eva zusammen lebt, wird die Verbindung noch intensiver. Man fühlt sich anfangs verwundbar, aber die anderen auch. Oberflächlichkeit ist fast wirkungslos. Kein Lippenstift und kein Lidschatten. Keine Krawatte und kein Anzug aus Seide. Handgenähte italienische Schuhe sind unwichtig. Eine goldene Uhr wirkt lächerlich, es sei denn, sie ist wetterfest. 

Man erkennt, dass niemand perfekt ist. Der dicke Bauch oder die dicken Oberschenkel spielen plötzlich keine Rolle mehr. Neid und Gier werden zurückgedrängt. 

Männer nehmen die Frauen plötzlich als Frauen wahr und nicht als Sexspielzeug. Die Erotik hat plötzlich wieder etwas mit der Liebe zu tun. Treue ist automatisch eine Selbstverständlichkeit. 

Und Wahrhaftigkeit bringt sich in den Vordergrund. Denn es ist fast unmöglich, ein falsches Bild von sich selbst abzugeben. Und Freundschaften, die man in solchen Lebensumständen schließt, halten ein Leben lang. Auch wenn man sich nicht mehr treffen sollte, denkt man immer liebevoll an diese Personen zurück.

Diese Zeit hat mich für mein ganzes Leben geprägt. Und ich wünschen meinen Kindern, dass sie auch etwas Ähnliches erleben dürfen.

Ich liebe diesen Strand immer noch, auch wenn man ihn heutzutage mit anderen teilen muss. Es gibt aber immer noch viele Stellen, wo man ganz alleine sein kann.

Die Windsurfer lieben den Strand wegen dem ständigen ablandigen Wind. Die Surfweltmeisterschaften finden jetzt jedes Jahr vor meiner früheren Haustür statt. 

Wahrscheinlich war ich der Erste, der hier mit einem Surfbrett auf den Atlantik gegangen ist. Ich gehörte zur ersten Generation der Windsurfer. Für uns stand das Erlebnis mit dem Wind mitten auf dem Atlantik im Vordergrund. Zurück zum Ursprung. Vom Einbaum zum Boot, zum Segelboot, zum Segelschiff, zum Frachtschiff bis hin zum Flugzeugträger und wieder zurück zum modernen Einbaum, dem Surfbrett. Alleine zwischen den Elementen. Wind (Luft), Ozean (Wasser) und Sonne (Feuer). 

Dann wurde Surfen zur Mode. Alle hatten plötzlich die gleiche Frisur, die gleichen Klamotten bis hin zur gleichen Kamera und fuhren parallel am Strand entlang, damit die Mädchen sehen konnten, wie toll sie sind. Meine Surfschule, eine der ersten auf den Kanaren, überließ ich meinem Freund, und ich zog mich zurück. 

Die Costa Calma bestand nur aus Sand, aus Flugsand, und war ein Naturschutzgebiet, obwohl man das damals noch nicht so nannte. Man nannte es Zona Verde (Grüne Zone), obwohl es dort keinen Baum und keine Palme gab. Nur ein paar wilde Wüstenkräuter. 

Investoren erkannten die Einzigartigkeit der Costa Calma und schafften es, den Bürgermeister umzustimmen. Plötzlich war es Bauland und die Gemeinde konnte sich neue Wasserleitungen und einiges mehr leisten. Und einige der Bürgermeister konnten sich auch etwas leisten.

Die Einheimischen hätten sich nicht im Traum vorstellen können, dass dieser Sandhaufen für die Touristen so wertvoll sein könnte.

Die Kanarischen Inseln und vor allem Fuerteventura waren in Deutschland unbekannt. Jetzt kann man eine Reise nach Fuerteventura im Supermarkt kaufen. 

Ein Bauernbrot, ein Pfund Käse und eine Reise nach Fuerteventura bitte.

Heute ist die Costa Calma eine reine Touristenstadt. Super Hotels mit Poollandschaften an einem Strand, an dem man das ganze Jahr über baden kann. Ältere Bungalows sind heute Wohnungen für die Angestellten. 

Es gab keinen von Profis gemachten Bebauungsplan. Die ersten Investoren teilten das Land auf dem Papier in Parzellen ein, die dann verkauft wurden. Es wurde keine Infrastruktur mit eingeplant. Keine Grün- oder Parkanlagen, keine Wohnungen für die Angestellten. Keine Gebäude für die Verwaltung oder für eine Schule.

All dies wurde nachträglich irgendwo dazwischen gequetscht. Schade.

Trotzdem, der Strand ist einmalig. Deshalb kommen viele Touristen immer wieder.

La Lajita

Parallel zur Autobahn fahre ich nun in Richtung La Lajita. Nach ein paar Kilometern geht es steil den Berg hinauf. Und ich komme an die Stelle, die mein Leben verändert hat. Damals kam ich in einem Bus ohne Stoßdämpfer von Puerto del Rosario. Die Reiseleiterin begleitete uns. Wahrscheinlich um die Touristen immer wieder auf der langen Tour zu beruhigen, die etwas verwirrt waren, weil die Fahrt stundenlang über Staubpisten führte. «Wir sind gleich da», wiederholte sie immer wieder. 

Es gab nur zwei Hotels und wenige Apartments im Süden der Insel. Jeden Montag flog eine Condor von Düsseldorf nach Fuerteventura. Mehr Flüge gab es nicht. 

Dann kamen wir hinter La Lajita an den Ort, von wo man plötzlich über den langen Strand von Jandia schauen konnte. Diese Aussicht habe ich nie vergessen. In diesem Moment habe ich mich in die Insel verliebt. Und es hat nur noch ein paar Jahre gedauert, bis ich ganz hiergeblieben bin.

Nur noch den Berg hinunter am Zoo und am Botanischen Garten vorbei, und ich komme in La Lajita an. Es ist fast berauschend, die Insel auf diese Weise kennenzulernen, mit dem E-Bike. Es ist ein Geschenk. Dank dieser modernen Technik. Mit einem normalen Fahrrad könnte ich all dies nicht erleben.

Es ist bewundernswert, was die Leute vom Zoo geschaffen haben. Ich muss zugeben, dass ich sie damals belächelt und gewaltig unterschätzt habe. Es war ein Stück Wüste mit ein paar Palmen und ein paar Bäumen. Sie begannen mit den Kameltouren für die Touristen. Dass daraus dieser Zoo und vor allem dieser botanische Garten entstanden sind, hätte sich niemand vorstellen können. Heute schäme ich mich ein wenig für meine Bedenken.

Das frühere Fischerdorf La Lajita hat sich auch verändert. Die Fischer kamen jeden Tag mit ihren voll beladenen Booten an den Strand des Dorfes gefahren. Das halbe Dorf half, die Fischerboote über Holzbalken an den Strand zu ziehen. Es sah aus wie Tauziehen. Nur dass auf der anderen Seite ein schwerer Kahn hing.

Viele spezialisierten sich auf Thunfisch. Dafür schlugen sie mit lebenden Ködern auf die Oberfläche des Wassers. Die Thunfische schossen wie Torpedos aus der Tiefe, um sich die zappelnde Sardine einzuverleiben. Der Fischer nutzte dann die Geschwindigkeit des Fisches, um ihn dann über Kopf ins Boot zu heben. Das waren wahre Künstler, die Fischer. Es waren Haken ohne Widerhaken, sodass, wenn der große Fisch im Boot lag, sich der Haken von alleine löste, und sofort für den nächsten Fang verwendet werden konnte.

Die Boote waren schnell gefüllt, und die Geldbeutel der Fischer waren es auch. Ich erinnere mich, dass die Fischer 80 Peseten für ein Kilo Thunfisch erhielten. Das waren damals so um die 3 bis 4 Mark. Die Fische wogen um die 25 Kilo. Bei 20 oder mehr Fischen kam ein schönes Sümmchen zusammen.

Heute fischen sie nur noch für den Hausgebrauch. Die Berufsfischer haben ihre großen Kähne in Gran Tarajal liegen. Sie fahren 14 Tage aufs Meer, bis sie mit ihrem Fang wieder in den Hafen zurückkommen. Denn sie müssen weit hinaus auf den Atlantik fahren. Ein harter Job.

Die Bar von Andres und seinen Söhnen war auch eine der Haupthaltestellen der Insel. Hier hielten alle Touristenbusse und machten Pause. Auch der Linienbus, der morgens in den Norden fuhr und abends wieder zurückkam, machte hier Pause. Schnell ein Kaffee oder einen Cognac oder einen Cuba Libre. Kühlschränke gab es noch nicht. Die Erfrischungsgetränke wurden unter feuchten Säcken gekühlt. Ich musste nach Fuerteventura kommen, um ein Beispiel angewandter Physik kennenzulernen. Jetzt wusste ich, was Verdunstungskälte bedeutet. 

Heute noch habe ich den Geschmack von Schweppes Zitrone oder Schweppes Orange im Mund. Diese etwas andere Limonade gab es überall auf der Insel und wurde vor allem für die vielen Mixgetränke benutzt. Mit Gin, Rum oder Wodka. Ein Paradies für Trinker und Genießer. Die Schnäpse gab es steuerfrei. Die Touristen kauften die Spirituosen im nebenliegenden Laden von Andres, um sich für ihren Urlaub mit Alkohol einzudecken, oder, wenn sie auf dem Weg zum Flughafen waren, um den Schnaps mit nach Hause zu nehmen. Alle Kneipen hatten damals alle Sorten. Die Regale standen voll mit allen Sorten Cognac, Whisky usw. 

Fast hätte ich es vergessen. Die Zigaretten waren natürlich auch steuerfrei und die Zigarren auch. Wenn man dazu gehören wollte, kannte man sich mit Schnaps und mit Zigarren aus. So ändern sich die Zeiten. Damals gehörten sie zu den sogenannten feinen Leuten. Heute würden sie wie Kriminelle angesehen. 

Andres gehörte auch der Bus, mit dem die Touristen über die Insel gefahren wurden. Und er besaß 3 Taxen. Mercedes 240, aus den 70ern. Das Lieblingsmodel der Taxifahrer. Er fuhr mit seiner Taxe 1,6 Millionen Kilometer, hauptsächlich über Staubpisten, nur mit Ölwechsel und ab und zu ein paar neue Reifen. Dafür erschien er mit Foto in einer deutschen Fachzeitschrift von Mercedes. Mein Bruder brachte sie zusammen.

Heute gibt es mehrere Restaurants in La Lajita und es gibt Pizza, Hamburger und einen Friseursalon. Das Dorf ist größer geworden und beherbergt viele Angestellte der Tourismusindustrie. Ein Schlafzimmer der Tourismusindustrie. Trotzdem lohnt sich ein Ausflug nach La Lajita, um sich an den Strand zu setzen. Vielleicht trifft man noch einen Alten, der das Meer beobachtet, der an der Oberfläche des Meeres erkennt, ob und wo es welchen Fisch zu fangen gäbe.

Es kam öfter vor, dass es in La Lajita kein Wegkommen gab. Wenn es stark regnete, kamen die Busse weder den einen Berg in Richtung Süden noch den anderen Berg Richtung Norden hoch. Dann brachten die Bauern mit ihren Landrovern die Touristen in ihre Hotels. Schnaps gab es ja genug in der Bar von Andres. Ich fahre jetzt weiter auf meinem Rad, ohne Alkohol.

Tarajalejo

Die Straße führt parallel der Küste entlang. Wohnmobile stehen am Strand, weil es hier erlaubt ist, mit dem Wohnmobil zu übernachten. Leider gibt es viele Strände, wo es verboten ist. 

Es ist auch verboten, ein Vorzelt aufzubauen, und es soll verboten sein Tisch und Stühle vor das Wohnmobil zu stellen. Ich nehme an, dass die Politiker, die sich diesen Blödsinn ausgedacht haben, zu oft in der Bar von Andres waren. Leider gibt es immer wieder Beamte, die mit ein wenig Macht nicht umgehen können.

Wahrscheinlich ist es der Neid, weil sie sich kein Wohnmobil leisten können.

Die meisten Wohnmobile sind heutzutage von den Einheimischen. Es liegt im Blut der Einheimischen. Der Strand war von eh und je ihr zweites Zuhause. Früher brachten sie sich eine einfache Plane mit an den Strand, mit der sie sich einen Unterschlupf aufbauten. Aber das ist ja heute auch verboten. Feuer am Strand ist auch verboten. Dann muss man einen tragbaren Grill mitbringen. So zerstören die Politiker die Kultur ihrer Großväter.

Ok, im Wohnmobil hat man alles, was man braucht.

Anders als in La Lajita, gab es in Tarajalejo schon vor 40 Jahren ein kleines Hotel und eine Apartmentanlage. Heute noch ist die touristische Zone sehr überschaubar. Entlang des Strandes gibt es eine lange Promenade. Und es gibt einen Supermarkt.

Ich kann mich gut daran erinnern, als der Besitzer des Supermarktes mit einem kleinen Laden anfing. Jetzt ist daraus eine große Kette entstanden mit Märkten überall auf der ganzen Insel. Von Anfang an hatte er sich bemüht, einen guten Service anzubieten.

Ich fragte ihn damals, ob er mir Löwensenf besorgen könne. 10 Tage später gab es Löwensenf auf Fuerteventura. Und es gibt ihn noch heute in seinen Märkten. Er ist ein gutes Beispiel dafür, das ein guter Service das A und O ist, wenn man als Unternehmer erfolgreich sein will.

Auch hier gibt es jetzt Pizza und Hamburger und einen Frisiersalon. Aber man hat auch noch die Möglichkeit, direkt am Meer zu sitzen und bei einem guten Essen und ein paar Gläsern Wein einen romantischen Abend zu verbringen. Da fällt mir ein, dass ich dies auch noch mal machen könnte.

Jetzt trinke ich Bier, alkoholfrei, die richtige Stärkung für den letzten Abschnitt meiner Tour bis nach Gran Tarajal.

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