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Die Jungfrau der Könige soll Unesco Kulturerbe werden

Das will die Inselregierung von El Hierro beantragen. Vor allem der Abstieg der Jungfrau alle vier Jahre ist ein einzigartiges Fest.

Eine schöne Geschichte

 Dort, wo es nichts gibt, da kann man auch nichts finden. Es sei denn, man begegnet einer Madonna und Don Marco, der die Jungfrau Tag für Tag wie seinen eigenen Augapfel behütet. Wenn man auf der Straße von El Pinar aus durch den Wald in Richtung La Sabinosa fährt, begegnet man niemandem. Kein Auto, kein Mensch, kein Tier. Ein Falke ist das einzige Lebewesen, welches mir begegnete. Erstaunlich, dass er hier auf die Jagd geht. Er weiß bestimmt warum. Das Klima ist lieblich aber auch hart und es duftet nach Pinien und heißem Staub. Sollte man ohne Wasser liegen bleiben, dann wird es ungemütlich. Seit 1546 hat sich außer der schmalen und kurvenreichen Bergstraße nichts geändert. In diesem Jahr vor fast 500 Jahren, und zwar am späten Nachmittag des 5. Januars, begann die Geschichte. Niemand hätte ihren Lauf voraussehen können.

Don Marco verkauft Wasser und Rosenkränze an die Pilger

Ein Schiff von Aussiedlern, auf dem Weg nach Amerika, kam vor dieser Küste in eine Flaute. Ihre Reise zu dem neuen Kontinent war schon vor Beginn der großen und langwierigen Atlantiküberquerung gefährdet. Sollten all ihre Träume einer verheißungsvollen Zukunft in der Windstille baden gehen? All die Mühe zur Vorbereitung ihrer Reise sollte umsonst gewesen sein? Sie hatten alles hinter sich gelassen. Ihr Hab und Gut, ihre Familien und ihre Freunde. Nun trieben sie wie auf einem unkontrollierbaren Floß zwischen alter und neuer Welt. Die Wasser- und Essensvorräte wurden knapp und gingen dem Ende zu. Zu wenig für eine lange Reise über den wilden und unberechenbaren Atlantik. Frischer Wind kam dann aus einer ganz anderen Richtung, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen hätten vorstellen können.

Durch den Pinienwald bis auf die andere Seite der Insel zur Kapelle

Vielleicht eine Handvoll Hirten, die sich mit ihren Herden bei der Muschelhöhle auf einer Höhe von ungefähr 600 Metern aufhielten, beobachteten die Siedler, stiegen hinab und baten ihnen ihre großzügige Hilfe an. Die Hirten hielten sich hier auf, weit weg von ihren Familien, denn hier gab es Grünzeugs für die Tiere und geschützte Schlafplätze für die Hirten. Die Ziegenhirten halfen den Siedlern mit reichlich Fleisch und Käse, sodass die Aussiedler ihre Reise in ein neues Leben mit genügend Nahrung an Bord fortsetzen konnten, als dann endlich wieder der so sehnsüchtig erwartete Passatwind einsetzte.

Aus tiefer Dankbarkeit schenkten sie den Hirten eine Madonna, die von den Hirten in der Höhle aufbewahrt wurde. Die einfachen Männer vergaßen aber, die Siedler nach dem Namen der Madonna zu fragen. Und da sie die Jungfrau am heiligen Dreikönigstag erhielten, nannten sie die Madonna „Die Jungfrau der Könige“. Die Höhle wurde von nun an die Höhle der Jungfrau genannt, die von nun an die Patronin der Hirten sein sollte, da sie vielen in ihrer Not Beistand schenken konnte. Erst dreißig Jahre später wurde eine kleine Kapelle errichtet und am 25. April 1577 geweiht. Noch heute feiert man jedes Jahr an diesem Tage das Fest der Hirten.

Die Hirten stellten die Jungfrau in diese Höhle

Wegen einer lang anhaltenden Dürre im Jahre 1614 trugen die Hirten ihre Madonna über Nacht gegen den Willen der Autoritäten bis zur Kathedrale der 28 Kilometer entfernten Hauptstadt Valverde. Dem Priester ließen die besorgten Hirten ausrichten, er solle eine Opfergabe vor der Tür der Kirche entgegennehmen. Die Geschichte erzählt: «Als das Bildnis der geliebten Mutter in Valverde eintraf, begann es kräftig zu regnen an.» Zwei Jahre später wiederholte man die aufwendige Prozedur. Aber dieses Mal, weil es zu viel regnete. Zu diesem Anlass wurde die Madonna aus Dankbarkeit während einer Messe zur Patronin der Insel erklärt und ein erstes Gelübde abgelegt. Von nun ab solle sie an jedem Dreikönigstag geehrt werden.

Die Jungfrau in Valverde

Erst 1741 wieder wurde das Bildnis über den Berg in die Hauptstadt gebracht. Jetzt war es wieder eine „lange Dürre“, die El Hierro heimsuchte. Nun legte man das zweite Gelübde ab, welches man den „Abstieg der Jungfrau der Könige“ nannte. Alle vier Jahre solle die Madonna vom Berg bis zur Hauptstadt absteigen. Auch wenn dafür kein besonderer Anlass, eine Dürre oder ein Unwetter, vorläge. Das Gelübde wurde zum ersten Mal im Jahre 1745 erfüllt. Dieses Gelübde wurde 1941 erneuert. Und während des Abstiegs 1953 setzte man der „Mutter Gottes“ ihre goldene Krone auf.

 Im Juli alle vier Jahre ist es wieder soweit. Um sieben Uhr in der Früh muss Don Marco seine Madonna an mehrere Priester und an eine große Schar Gläubiger abgeben. Der Weg ist lang und mühsam. Wie immer ist es sehr heiß im Sommer. Deshalb wartet der Bischof hoch oben am Kreuz der Könige auf die ungewöhnliche Prozession. Hier dürfen alle eine dreistündige Pause einlegen. Auch der kanarische Regierungschef und viele andere werden immer zu diesem Fest erwartet. Das Spektakel wird natürlich live im Fernsehen übertragen. Der Abstieg der Jungfrau gehört zu den bedeutendsten Festen der Kanarischen Inseln.

Normalerweise behält Don Marco immer seine Ruhe. Er schließt morgens die Kirche auf und abends wieder ab. In einem kleinen Laden verkauft er den wenigen Pilgern, die den mühsamen Weg dort hin nicht scheuen, Trinkwasser, denn das brauchen alle in dieser heißen und trockenen Gegend von El Hierro. Die meisten kaufen auch ein kleines Andenken  an ihre schweißtreibende Pilgerreise in den, für manche, schon fast Angst einflößenden Landstrich. Es gibt aber noch zwei oder drei kleine Schlafräume und eine kleine Küche, die denjenigen zur Verfügung gestellt werden, die der Jungfrau ein Gelübde abgelegt haben. Für eine gewisse Zeit verspricht man der Madonna, weil sie vielleicht ein Familienmitglied geheilt hat, zu beten und die vier klösterlichen Hofmauern nicht zu verlassen. „Das können ein paar Tage sein, aber auch ein Monat“, wie Don Marco erzählt. Wenn das Gelübde von einem der drei Oberdiener der Stiftung schriftlich genehmigt wird, händigt Don Marco dieser Person den Schlüssel aus. Sicher ein einzigartiges Erlebnis, welches man nie vergessen wird.

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