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Von Dorf zu Dorf

Mit dem Fahrrad Fuerteventura kennenlernen.

Ich fühle mich frei. Gerade jetzt. Ich entkomme für einen Tag dem Schwitzkasten des Virus. Wie ein kleiner Junge auf seinem ersten Fahrrad. Endlich hat sich mein Bewegungsfreiraum vergrößert. 

Ich bin dankbar, durch das Landesinnere der Insel fahren zu dürfen. Ein Glücksgefühl macht sich breit in meinem Körper, in meiner Seele, wie schon lange nicht mehr.

Das Licht ist wunderschön. Die Temperatur ist angenehm. 

Juan Gopar zwischen Gran Tarajal und Tuineje

Von Gran Tarajal aus geht es durch die Hügellandschaft von Juan Gopar. Vor vielen Jahren gehörte einem Juan Gopar dieses Stück Erde. Damals gab es noch keine asphaltierten Straßen, kein öffentliches Wasser und keinen öffentlichen Strom, den es heute auch nicht überall gibt. 

Noch vor vierzig Jahren war es vorteilhaft, 2 Ersatzreifen im Kofferraum zu haben, wenn man durch dieses Gebiet fahren wollte. Die scharfen Steine zerschnitten schnell einen Autoreifen. 

Karg und wunderschön

Bauern bauten hier Tomaten und Alfalfa an, weil sie keinen besseren Ort zur Verfügung hatte. Einsam war es hier. Man fuhr nur einmal im Monat in die kleine Hafenstadt Gran Tarajal.

Hier irgendwo lebte auch die Familie Cano. Der Vater praktizierte mit seinen Söhnen Lucha Canaria, der kanarische Ringkampf. Etwas anderes gab es nicht. Pedro und Antonio gehörten später zu den berühmtesten Ringkämpfern der Kanarischen Inseln. Nicht selten kämpften sie alleine gegen eine ganze Mannschaft, die aus 12 Kämpfern besteht. Und sie besiegten die ganze gegnerische Mannschaft. Ein Kämpfer muss zweimal gegen einen Kämpfer der gegnerischen Mannschaft gewinnen, damit dieser ausscheidet. Das bedeutet, dass Pedro und auch Antonio 24 Kämpfe gewinnen mussten, um die gegnerische Mannschaft zu besiegen. Diese Kämpfe sind in die Geschichte der Kanarischen Inseln eingegangen.

Eine kleine Oase

Jetzt gibt es eine kleine asphaltierte Straße, die durch diese Hügellandschaft führt. Viele Menschen haben sich kleine und große wunderschöne Häuser mit ihrer eigenen kleinen Oase gebaut. Das war das Ergebnis der Immobilienblase von 2008. Vielleicht gehören diese Häuser nicht mehr denjenigen, die sie gebaut haben. Trotzdem sind es schön anzusehende Häuser, die geradezu dazu einladen, dort mal eine Nacht zu verbringen. Sie stehen nicht in den Touristenzentren, wo sie jedermann bewundern könnte. Sie befinden sich alle an einem zurückgezogenen Ort, wo man dem Wind zuhören kann. Einem bescheidenen Ort der Stille.

An diesem Ort der Stille siedelte sich vor 40 Jahren ein deutscher Heiler an. Doc nannten ihn die Menschen liebevoll. Er war ein Spezialist mit seiner Wünschelrute und seinem Pendel. Vielen Menschen konnte er mit seinen Heilmethoden helfen. Damals gab es nur einen Arzt in dieser Gegend.

Er war der erste Therapeut weltweit, der homöopathische Mittel in die Akupunkturpunkte spritzte. Eine Kombination der Neuraltherapie und der Akupunktur. Mit dieser Therapie konnte er vielen Menschen helfen.

Bekannt wurde er aber, weil er auf der ganzen Welt Wasser- und Ölquellen mit seiner Rute gefunden hat. Er war auch ein Kenner der Bauhütte, der magischen oder spirituellen Architektur, die sich nach den Erdstrahlen orientieren. Wo sich zwei positive Linien kreuzen entsteht ein positiver Energiepunkt, den man durch eine darüber gebaute Säule verstärken kann. Die katholische Kirche und auch das Militär benutzten dieses Wissen für ihre Kirchen und ihre Festungen. Es gibt viele Beispiele, wo an Orten nach einem Unwetter nur die Kirche stehengeblieben ist. In Garachico auf Teneriffa begrub die Lava 1709 das ganze Dorf unter sich. Nur die Kirche und die Festung waren noch in Takt.

Doc, wie ihn die Leute liebevoll nannten, baute sein kleines Haus nach diesem Prinzip, sodass das Haus schon eine heilende Energie ausstrahlte. Er besuchte seine Patienten zu Hause, um mit seiner Rute nachzumessen, ob die Betten an positiven Stellen standen. Ein Bett, das auf einer Kreuzung zweier negativen Linien steht, nannte er ein Krebsbett.

Hinter einem Hügel hat sich ein verlassenes Dorf versteckt. Es besteht nur aus mehreren Ruinen. La Florida. Fuerteventura vor hundert Jahren. Aus den Steinen, die die Wüste hergegeben hat, bauten die Menschen damals ihre Häuser. Etwas anderes gab es nicht. Ein Brunnen fürs nötige Wasser, und das Leben konnte beginnen mitten in der Steinwüste. Ziegen für Milch und Käse. Gofio und getrocknete Fische (Jareas). Dann war die Welt perfekt.

La Florida liegt nur ein paar Kilometer von Tuineje entfernt. Ich halte einen Moment, um die Aussicht über Tuineje zu genießen. Eine Fliege hat schon auf mich gewartet. Ihren Flügelschlag ist das einzige, was ich höre. Ansonsten Stille. Ich weiß nicht, was die Fliege an mir findet. Vielleicht freut sie sich, dass mal jemand vorbeikommt.

Tuineje ist die Verbandsgemeinde. Dort ist das Bürgermeisteramt für die Gegend von Tarajalejo bis Las Playitas und Tiscamanita. Ein schöner verschlafener Ort. Vor vielen Jahren gab es hier nur drei Einwohner, erzählt man sich. Den Bürgermeister, den Pfarrer und einen Polizisten. Die anderen wanderten alle in die spanische Sahara aus. Einige gingen auch nach Südamerika, weil es auf Fuerteventura keine Arbeit gab. Aber auch heute sieht man kaum mal jemanden auf der Straße.

Es gibt einen Supermarkt, eine Eisenwarenhandlung, 4 Kneipen, einen Bäcker, eine Tankstelle, eine Grundschule und ein Gymnasium für die Kinder aus der Gegend und ein öffentliches Schwimmbad. Hier lässt es sich leben.

Ein schöner Tag. Wenn man sich Zeit lässt, kann man viele Geschichten in der Wüste kennenlernen. Erfahrungen, die zum Nachdenken anregen. Die Wüste erleben.

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