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Fronleichnam ohne Teppich in La Orotava

Corona unterbricht alte Traditionen.

In ganz Europa wird das Fronleichnamsfest gefeiert. Überall wo es Katholiken gibt. Aber etwas Besonderes ist es auch für diejenigen, die keine Katholiken sind, in La Orotava. Dieses Jahr hat Covid 19 den Liebhabern des einzigartigen Fronleichnamfestes einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das, was immer ist und immer war, ist in diesem Jahr nicht so. Es tut den Menschen im Herzen weh.

So war es noch vor schätzungsweise 15 Jahren:

Zwei Monate benötigt der Meister Domingo mit seinen Helfern zur Erstellung des übergroßen Kunstwerkes auf der Plaza des Rathauses in La Orotava. Alle Jahre die gleiche Prozedur. Maßstabsgetreu überträgt Domingo seinen Entwurf auf den Rathausplatz. Danach füllt er mit seinen Assistenten das Bild mit farbigem Sand vom Teide auf. Jede Falte, jedes auch nur kleinste Detail ist zu sehen. Keine Herausforderung ist ihnen zu groß. Leider passen die mega Kunstwerke in kein Museum. Viel schlimmer noch ist es, für Kunstliebhaber zu wissen, dass das Gemälde regelmäßig zerstört wird. Angeführt von Priestern und Leihen trampelt eine ganze Prozession auf dem Kunstwerk herum, bis es zur Unkenntlichkeit zerstört ist. Ein Opfer für den Glauben, welches pünktlich, jedes Jahr zum Fronleichnamstag, wiederholt wird. Miguel gehört schon seit 1955 zum Team. 2005 kreierte er einen ganz besonderen Teppich. Am 2. April starb Johannes Paul II., und 17 Tage danach, am 19. April, stieg weißer Rauch in den römischen Himmel und die Welt kannte ihren neuen Pontifex Benedikt XVI. Nicht viel Zeit, um alles der Aktualität anzupassen. Kein Problem für Domingo und sein eingespieltes Team. Unter dem Thema „Eucharistie“ präsentierte Meister Domingo ein Bild auf dem der alte und der neue Papst zu sehen waren. „Ich bin schon seit 1955 dabei“, erklärte Miguel und war kein bisschen nervös. „Das Bild ist durch eine Plane vor Wind und Wetter geschützt. Den Rest haben wir im Griff. Pünktlich zum 2. Juni kann die Prozession kommen.“ Die neugierigen Zuschauer schütteln mit ihren Köpfen und schauen besorgt auf ihre Armbanduhren. Als hätten sie Einfluss auf die Arbeit der beiden Assistenten, Miguel und Ezequiel. Aber die beiden ließen sich nicht von den andächtig zuschauenden Menschen aus der Ruhe bringen. Und der Meister? Er saß gerade ruhig vor seinem allmorgendlichen Frühstück in einem kleinen Café. Meister Domingo González Expósito und seine Helfer haben es mal wieder geschafft. Auch wenn sie wegen der aktuellen Ereignisse, dem überraschen den Tod von Johannes Paul II. und der Wahl des neuen Papstes, ihr Konzept ändern mussten. Für den 46,5 Meter breiten und 20,5 Meter hohen Teppich werden in minutiöser Kleinstarbeit 4 Tonnen Sand aus den Cañadas, der Kraterlandschaft des höchsten Berges Spaniens, in vielen verschiedenen Farben auf den Boden des Rathausplatzes aufgetragen. 2 000 Stunden brauchen die 40 Helfer von Domingo für dieses Kunstwerk, auf dem die feierliche Prozession des Fronleichnamsfests ihr Ende findet. Der Sand wird nicht gefärbt. Es handelt sich um Farben, die so in der Natur vorkommen. Zwei Ordensschwestern standen vor einer kleinen Gruppe Menschen, die schon morgens früh das Werk vom Balkon des Rathauses aus betrachten wollten. Geduldig warteten sie, bis ein feierlich Uniformierter die Pforten öffnete. Fachmännisch tauschten sie ihre Bewunderung für das Kunstwerk aus. Der Meister hätte die Päpste sehr gut getroffen. Nur die Haarsträhne von Johannes Paul II käme ihnen etwas fremd vor. Vielleicht war nicht mehr genügend Zeit. Alle sind stolz auf ihren Meister. Das ist auch der einzige Tag im Jahr für die einfachen Menschen, den pompös eingerichteten Sitzungssaal des Rathauses zu betreten. Nachdem sie ihren Teppich betrachtet haben, lassen sie sich vor der spanischen Fahne fotografieren, die unter einer Krone und dem Wappen La Orotavas aufgestellt wurde. Zwei prunkvolle Blumensträuße rahmen sie festlich ein. Feierlich soll es wirken. Die Ehre steht auf dem Spiel. TV- und Radiosender bauen ihr Studio auf. Tausende werden dieses Spektakel mit verfolgen. Und dort, wo viel Publikum ist, da sind auch die Händler. Jesus trieb sie aus dem Tempel. Aber sie scheinen immer wieder zu kommen. Gebrannte Mandeln. Heiße und kalte Getränke. Buntes Spielzeug für genervte Mütter, die ihren quengelnden Kindern für einen kurzen Moment den Mund stopfen wollen. Und ganz speziell im Angebot, das bunte Spielzeughandy für den kleinen Christen. Der Priester ist auch schon aufgeregt. Das ist der größte Tag im Jahr. Der Altar ist prachtvoll mit frischen Blumen geschmückt. Heute gehört die ganze Gemeinde ihm allein. Wie auch im nächsten Jahr 2006. Zum 500. Jubiläum der Stadt La Orotava. Etwas Besonderes sollte es schon sein. Der Teppich im Jubiläumsjahr zur Gründung der Gemeinde La Orotavas (1502-1506/2002-2006). 

Jede Falte, jedes Haar

Bei Doña Anita, der volkstümlichen Nachrichtenbörse, sie betreibt einen Zigarettenladen an der Plaza in La Orotava, heißt es: „Dieses Jahr kommen chinesische Maler.“ Seit 57 Jahren betreibt sie den kleinen Kiosk an der Plaza. Täglich auch sonntags hat sie ihren Laden bis abends spät geöffnet. «Gestern Abend war ich bis 20 nach 10 im Laden.» Nur zwei Monate fehlte sie in ihrem Laden wegen einer Augenoperation. «Die Leute haben sich selbst bedient und legten mir das Geld vorsichtig in meine Hand bis ich wieder richtig sehen konnte.»

Beide Päpste

Schnell stellte sich heraus, dass die chinesischen Maler in Wirklichkeit tibetanische Mönche waren. Sie nahmen in diesem Jahr an einem Makrofest des christlichen Glaubens der Kirchengemeinde La Orotava teil. Der Künstler Maestro Domingo Gonzales Exposito hat sich zu diesem Anlass etwas ganz Besonderes einfallen lassen. „Gut und Böse“ war der Titel seines Teppichs auf dem Rathausplatz. In vielen Kreisen stellt der Künstler Motive dar, die den Kontrast der Dualität des Lebens darstellen sollen. Gott Vater, Jesus Christus und Maria stehen dem goldenen Kalb, dem Teufel und der Schlange gegenüber. Andere Motive stellen die sieben Kapitalsünden und Tugenden dar. Die Paare sind Hochmut und Bescheidenheit, Habsucht und Großzügigkeit, Unzucht und Keuschheit, Zorn und Geduld, Völlerei und Mäßigkeit, Neid und Wohltätigkeit, Faulheit und Fleiß. Das Gute soll am jüngsten Tage gewinnen. Deshalb stellt der Künstler die positiven Motive etwas größer dar als die negativen. Gut und Böse werden durch eine durchgehende rote Linie voneinander getrennt. Die rote Linie soll den Zweifel darstellen. Nächstenliebe bedeutet, dass man seinen Nächsten liebt, auch diejenigen, die einer anderen Religion angehören. Deshalb hat er tibetanische Mönche und Navajo-Indianer eingeladen, die auch den Brauch von vergänglichen Gemälden aus Sand kennen. Das große Mitgefühl aller Buddhas heißt das Motiv der Tibetaner, welches die Mönche an einer Seite des Teppichs legen werden. Auf der anderen Seite stellen die Navajo-Indianer ihr Motiv dar. Schönheit und Glück ist ihr Thema. Der Prozess des Gemäldes ist Teil der Heilung. Aber das ist noch nicht alles. Für die Blumenteppiche auf den Straßen vor dem Rathaus wurden Gruppen aus vielen Ländern eingeladen. Aus Deutschland kam eine Gruppe der Gemeinde Mühlenbach. Unter anderen stellten Gruppen aus Brüssel, Rom, Kobe (Japan), Texas-Arizona und der tibetanischen Botschaft aus Barcelona ihre Blumenteppiche auf den Straßen aus. Aus Spanien kamen noch Vereine aus Sitges, Ponteareas und Toledo neben den Gemeinden Mazo von La Palma, Arucas von Gran Canaria und Arrecife von Lanzarote. Am 22 Juni war es soweit. Früh morgens kamen schon die ersten Pilger, um den Künstlern aus vielen Ländern bei ihrer Arbeit zusehen zu können. Auch wenn es ein langer Tag wurde, die Messe war erst am Abend um 18 Uhr 30 mit der nachfolgenden Prozession. Ein unvergesslicher Tag in der alten kastilischen Stadt La Orotava.

Und dieses Jahr? Dieses Jahr gab es einen Teppich in der Kathedrale. Der Rathausplatz blieb frei. Keine Prozession. Keine große Feier. Nur Meditation. Eine Feier im Innern. Zeit zum Nachdenken. Zeit zum Überdenken. Gott weiß, was er will. Gott weiß warum.

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