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Eine Initiative der Menschlichkeit

Es ist leicht, aus der Distanz über die Menschen zu urteilen, die über den Atlantik kommen, um ihr kleines Glück zu suchen und zu finden. Ängste machen sich breit. Existenzängste, den Job zu verlieren, vor möglicher Kriminalität. Nur der Dialog kann Menschen verschiedener Kulturen und verschiedener Herkunft zusammenführen. Hass und Krawall führen zu weiteren Konflikten, die kein Ende finden.

Es sind Menschen, voller Gefühle, geradezu elektrisiert. Sie sind voller Spannung und voller Energie. Ihre Ängste vor einem möglichen Ertrinkungstod machen sie hellwach. Augen und Ohren weit aufgerissen. Sie nehmen jede kleinste Bewegung oder Veränderung wahr. 

Sie klammern sich an der Hoffnung, wenn sie einige Tage auf dem wilden Atlantik herum treiben. In der Hoffnung, dass sie entdeckt werden von einem Flugzeug der spanischen Küstenwache. Sie sind lebendig. Lebendiger geht nicht. Voll und ganz menschliche Wesen mit Haut und Haar.

Sie haben eine Identität. Sie haben eine Vergangenheit. Sie haben eine Geschichte. All dies könnten sie mit uns teilen, wenn wir es zulassen. Wenn wir den Dialog mit ihnen suchen.

Es sind Reichtümer, die verloren gehen, wenn wir ihre Nähe nicht billigen.

Die Menschen, die diese halb verdursteten und halb verhungerten Menschen aufnehmen, stellen sich diesem Dialog. Sie lernen sie kennen. Sie wischen ihre Tränen ab. Sie schenken ihnen ein Lächeln. Sie schenken ihnen Liebe.

Das ist die Besatzung der Küstenwache und es sind die Helfer vom Roten Kreuz.

Ihnen tut es in der Seele weh, wenn sie die Stimmen der Ignoranten hören. «Ausländer raus», gehört noch zu den harmlosen Sätzen, die in den Raum geschrien werden. Der Hass macht aus normalen Bürgern wilde Bestien.

Dieses Geplärre wollen die Helfer vom Roten Kreuz und der Küstenwache verhindern.

So entstand eine private Initiative zwischen dem Roten Kreuz und einer Lehrerin des Gymnasiums in Gran Tarajal. Eine Lehrerin kommt mit ihren Schülern in den Hafen, wo ihnen erklärt wird, was Immigration bedeutet. Welches Leid die Menschen ertragen müssen. Dass es Menschen sind wie Du und Ich, die ihr Glück suchen oder vor Gewalt flüchten müssen. Und dafür ihr Leben riskieren. Die Schüler der achten Klasse hören alle interessiert zu.

Der Sanitäter und die Lehrerin

Von dem Schiff der Küstenwache geht es für die Flüchtlinge in einen warmen, sauberen und trockenen Container. Wo sie alle ein erstes Paket mit dem Wichtigsten erwartet. Die schmutzigen und nassen Kleider kommen in den Müll. Es gibt frische Unterwäsche, Hosen, Hemden und Schuhe. Dazu ein Beutel mit Seife, Zahnbürste und allem, was man für die Hygiene braucht.

Natürlich gibt es etwas Warmes zu essen. Wasser und etwas Süßes. Dann verbleiben sie maximal 72 Stunden in den Containern im Hafen, bis die Polizei sie abholt und in Versorgungscamps bringt, wo sie von Ärzten untersucht werden. Natürlich gehört ein Test, ob sie mit Covid 19 infiziert sind, dazu. Dort bleiben sie wieder 72 Stunden. Es sei denn, sie müssen in Quarantäne.

Danach sind sie frei. Diejenigen, die Familienangehörige oder Freunde haben, gehen dort hin. Und denjenigen, die niemanden haben, wird vom Roten Kreuz eine Unterkunft angeboten.

Ein durchorganisierter Vorgang der Barmherzigkeit.

Die Schüler der achten Klasse interessieren für alle Details und stellen viele Fragen. 

Danach geht es in Siebenergruppen auf das Boot der Küstenwache. Der Kapitän wurde mit ins Boot geholt. Er unterstützt die Initiative des Roten Kreuzes und der Lehrerin. Sie alle wollen einen Beitrag gegen Rassismus und Neofaschismus leisten. Der Chef vom Roten Kreuz sagt: «Die Jugendlichen sind die besten Überbringer für die Argumente der Menschlichkeit. Schon beim Mittagessen sprechen sie mit ihren Familien über all das, was sie hier gesehen und kennengelernt haben, und sie können ihren Eltern, wenn nötig, mit guten Argumenten entgegentreten.»

Natürlich ist es ein besonderes Erlebnis, das Innere eines modernen Schiffes der Küstenwache zu betreten. Einige setzen sich auf den Sessel des Kapitäns. Sie schauen sich die Elektronik an und lernen das Innere des Schiffes, inklusive Maschinenraum, kennen, wo sie von 2 Dieselmotoren von je 1400 PS erwartet werden, die die Turbinen antreiben. Das Schiff erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 35 Knoten (ca. 60 km/h).

«Ob sie mal mitfahren könnten», fragt die lebendigste Schülerin. «Da könne man drüber reden», war die kurze Antwort des Kapitäns.

Dies alles findet in einem kleinen Hafen Fuerteventuras statt. Und obwohl dies im Räderwerk der heutigen Gesellschaft untergeht und, wenn überhaupt, nur als Randnotiz wahrgenommen wird, ist das die Initiative, die wir alle brauchen. Das sind die Impulse, die unsere Welt ein wenig besser machen. 

Helfer des Roten Kreuzes, Lehrer und die Besatzung der Küstenwache schließen sich zusammen und starten diese private Initiative, ohne Eitelkeit, ohne Neid. Eine Initiative für die Menschlichkeit.

Sie sind die wahren Helden. Auch wenn sie niemand kennt.

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